Himmelschwarz

Ich habe vom Herbst gekostet

Beschirmter Katzenjammer

Es war an einem Dienstag Morgen vor drei Wochen, als es meinem Kater Morpheus zunehmend schlechter ging und ich deswegen den Tierarzt angerufen und ihn um einen Termin gebeten habe, den ich auch am späten Nachmittag bekam. Als ich von der Arbeit heim kam, ging es dem armen Flauscher schon deutlich schlechter. Man sah ihm richtig an, dass er sehr krank war.

Beim Tierarzt wurden Harnsteine diagnostiziert. Unter Narkose wurde ihm ein Katheter gesetzt, er bekam Infusionen und Blut und Harn wurden genauestens untersucht. Vorerst musste er für einige Tag dort bleiben. Es ging ihm zunehmend besser und am Donnerstag hieß es, ich könne ihn, wenn alles passt und er weiter Harn absetzen kann, am Freitag nach Hause holen. Doch am Freitag in der Früh rief der Tierarzt an und teilte mir mit, er müsse operieren, weil erneut Steine die Harnröhre verstopft hatten.

Die OP lief glatt und er durfte am Abend sogar schon heim. Für eine Woche musste er Antibiotika und Schmerzmittel nehmen und außerdem einen Plastikschirm um den Kopf tragen, damit er sich mit seiner rauen Katzenzunge nicht die Wunde aufreißt. Dieser Schirm und der Geruch nach Tierarzt haben dazu geführt, dass sein Bruder, der ohnehin ein Weichei ist, ihn nicht mehr erkannt und ihn angefaucht hat. Jetzt saß er da wie ein kleines Häufchen Elend und verlor zunehmend mehr die Lebensfreude. Am Samstag auf Sonntag wurde es immer schlimmer. Die Augen sahen wieder sehr krank aus und ich konnte nicht beobachten, dass er Wasser gelassen hätte. Ich wurde panisch. Hatte Angst, er würde mir sterben. Die Nacht auf Montag war schrecklich. Ich schlief kaum, bei jeder kleinen Bewegung wachte ich auf und vergewisserte mich, ob er wohl noch atmet. Noch dazu hatte ich einen Albtraum, in dem sich ein Bekannter das Leben nahm. Bereits kurs nach 6:00 morgens rief ich den Tierarzt auf seiner Notfallsnummer an. Bekam aber erst einen Termin kurz vor 9:00, weil zuvor so viele Operationen am Plan standen. Die Zeit wollte nicht vergehen.

Beim Tierarzt wurde dann Entwarnung gegeben. Sein schlechter Zustand war nicht körperlicher, sondern psychischer Natur, weil es ihm so zusetzte, dass sein Bruder nichts mehr von ihm wissen wollte. Die beiden waren vor seiner Erkrankung ein Herz und eine Seele gewesen. Sie haben miteinander gespielt, gekuschelt, sich gegenseitig gewaschen, waren füreinander da. Und nun war das alles für ihn weg. Er hatte keine Lebensqualität mehr und außerdem noch Schmerzen. Verständlich, dass es ihm so schlecht ging.

Mit den Tagen wurde es ein wenig besser. Es schien, als würde er sich damit abfinden. Glücklich war er nicht, aber er trug es mit Fassung, wie mir schien. Sein Appetit war gut und auch die Streicheleinheiten genoss er. Nachdem er sich selbst nicht waschen konnte, wusch er seinen Plastikschirm und meine Hand, wenn ich sein Köpfchen kraulte.

Vor drei Tagen habe ich ihm, nachdem die Wunde nun abgeheilt war, den Schirm abgenommen und er war von einer Sekunde auf die andere wie ausgewechselt. Es schien, als würde das Leben in ihm wieder zurückkehren. Zunächst hat er sich mal sehr lange gewaschen, was verständlich ist. Würden wir auch, könnten wir so lange nicht duschen. Dann ist er durch die Wohnung getollt, hat sich von mir streicheln lassen und ich habe gespürt, dass er mir dankbar war, dass ich ihn von diesem Teil befreit habe. Diavolo, sein Bruder, hat ihn weiterhin angefaucht, aber nur einen Tag lang. Seither spielen die beiden wieder miteinander und sind glücklich.

Es war so wunderschön zu sehen, wie mein Kater wieder die Lebensfreude entdeckt hat. Wie aus einem kleinen Häufchen Elend ein vor Energie sprühendes Fellknäuel wurde. So knapp liegen Leid und Freude oft beieinander, nur ein Plastikschirm trennt sie.

Gejagte Wildschweine

Nachdem mich immer wieder die Frage, warum ich denn nun überhaupt kein Fleisch mehr esse, ereilt, möchte ich das hier mal kurz erläutern.
Ich habe nie viel Fleisch gegessen und auch nur wenige Sorten, weil es mir einfach nicht so wirklich schmecken mochte. Die Beilagen waren für mich schon immer der eigentliche Genuss. In den letzten Jahren ist meine minimal vorhandene Begeisterung, die sich primär auf Salami und Schinken auf der Pizza oder andere Produkte, bei denen Fleisch “halt einfach dabei ist” reduziert hat, noch weiter zurückgegangen. Dokumentationen über Tierhaltung und -transporte haben den Heißhunger darauf auch nicht gerade geschürt und zunehmend mischte sich der Gedanke, dass diese Tiere nur leben, damit wir sie essen, dazu. Und das war der Punkt für mich, der sich nicht mehr mit meinem Gewissen hat vereinbaren lassen. Ich kann nicht mit der Vorstellung leben, dass ein Tier nur deswegen geboren wurde und gelebt hat, damit es mir als Nahrung dient. Für mich macht es da keinen Unterschied, ob das Fleisch von guter Haltung stammt, oder nicht. Natürlich bin ich gegen Massentierhaltung und für Biofleisch. Nur würde ich eben beides nicht essen. Wenn ein Wildschwein, das nicht von Menschen gezüchtet wurde, erlegt wird, wäre es für mich moralisch vereinbar (den Geschmack mal außer Acht gelassen). Aber das ist doch eher ein hypothetischer Ansatz.
Ich mache auch niemanden einen Vorwurf, der Fleisch isst, es sei denn, er kauft nur das billigste vom billigen und es ist ihm egal, ob das Schweinchen überhaupt Platz hatte sich jemals hinzulegen. Jeder muss das tun, was er mit sich vereinbaren kann. Aber ich vermisse doch immer wieder die Toleranz mir gegenüber. Es kann ja bitte jedem egal sein, was ich esse, sofern ich niemanden aufzwinge, es mir gleich zu tun. Sätze wie “spinnst du noch immer, oder isst du wieder Fleisch”, wie ich es von meiner Mutter zu hören bekommen habe, sind für mich unverständlich und klingen so, als hätte ich eine Krankheit.
Noch lächerlicher sind Menschen, die einem Fleisch heimlich unterjubeln wollen. Was erwartet ihr Euch? Das ich sterbe, wenn ich es esse?
Ich muss aber dazusagen, dass die meisten Menschen in meinem Umfeld, sei es nun im Freundes- und Bekanntenkreis oder bei der Arbeit, meine Entscheidung akzeptieren sowie auch respektieren und meine Begründung durchaus verstehen können.

Henna trinkt Tee

Es ist mir ja schon länger im Kopf herumgeschwirrt und wurde immer wieder von mir verdrängt, aber gestern habe ich mich dann doch endlich dazu durchgerungen und habe Henna-Farbpulver gekauft. Ja richtig, dieses pflanzliche Pulver, das man abrührt, dann auf den Kopf klatscht und hofft, mit dem Ergebnis nicht jedes Pumuckl-Casting zu gewinnen. Nachdem die Anwendung mehr an Kochen erinnert hat, hier das Rezept.

Die Zutaten (für lange Haare):
- 100 g Hennaplus Colour Powder Auburn 56 – Pulver
- 300 ml Schwarztee (oder Kaffee bzw. Wasser, wenn man mehr Rotstich möchte)
- 80ml Rotweinessig (auch jeder andere Essig ist möglich; für den Glanz)
- 20 ml Zitronensaft (hellt minimal auf und lässt die Farbe besser strahlen)

Kochutensilien:
- eine große Tasse für den Tee
- eine Schüssel und einen Löffel zum Mischen der Zutaten (keine Sorge, hinterlässt keine bleibenden Flecken)
- Frischhalte- oder Alufolie für den Kopf, damit die Henna-Mischung einem beim Trocknen nicht herunterbröckelt
- fettige Gesichtscreme für die Haut, damit man die nicht mitfärbt
(- Pinsel und Handschuhe sind bei der Farbpulver-Packung von Henna plus schon enthalten)
- ein altes Handtuch, weil die Haare nach dem Waschen noch abfärben können

Der Zeitaufwand:
- 15 Minuten Vorbereitung
- 15 Minuten für das Auftragen der Farbe
- 5 bis 90 Minuten (lt. Hersteller) für das Einwirken der Farbe. Nachdem das Ergebnis von der Ausgangs- und gewünschten Haarfarbe abhängt, ist es schwer zu sagen, wie lange die Mischung am Kopf bleiben muss. Bei manchen Haaren reicht eine Stunde, damit sie knallrot sind, bei anderen bedarf es der gesamten Nacht für einen leichten Effekt. Am besten probiert man an einer Strähne aus, was erforderlich ist.

Die Anwendung:
Am besten schnappt man sich jemanden, der einem die Mischung aufträgt. Nachdem sich meine Mama geweigert hatte, musste ich selbst ans Werk gehen. Davon würde ich aber abraten, wenn man sich schon bei einer herkömmlichen Coloration schwer tut. Wichtig ist, dass die Mischung warm bleibt, denn beim Abkühlen beginnt sie zu stocken und bildet kleine Klümpchen. Vergleichbar mit Pudding – auch optisch. Am besten beginnt man den Haaransatz einzupinseln und arbeitet sich dann in den Längen vor. Meine Methode war alles andere als professionell, aber wirksam. Nachdem der Haaransatz bedeckt war, habe ich die Henna-Mischung einfach mit den Händen in die Haare geschmiert und so einmassiert. Am Ende habe ich die restliche Farbe, die noch in der Schüssel war, mit ein klein wenig warmen Wasser verdünnt, auf den Kopf gekippt und die Haare wie beim Waschen geknetet. So konnte ich sicher gehen, bei meiner Mähne keine Strähne zu vergessen. Am Schluss kam dann noch die Frischhaltefolie auf den Kopf, denn wie schon erwähnt, beginnt das Ganze beim Trocknen zu bröckeln. “Du bist ja nicht mehr ganz frisch”, kann dann außerdem niemand mehr sagen. :D
Ich habe die Mischung nicht ganz 1.5 Stunden oben gelassen, weil meine Ausgangshaarfarbe mit einem leicht rötlichen Mittelbraun und dem gewählten Farbton von Henna, sowie dem beigemischten Schwarztee, mich nicht fürchten haben lassen, knallrot zu werden. Das Auswaschen ging schneller, als ich es von herkömmlichen Färbemitteln gewohnt bin. Recht schnell war das Wasser klar und nicht mehr rotbraun. Wider Erwarten wurde auch das Handtuch nicht verfärbt, wobei ich das auf dem dunkelgrünen vielleicht nur nicht so gut gesehen habe.

Das Ergebnis:
Toll! Wirklich, ich bin begeistert. Die Farbe ist sehr schön geworden, hat einen herrlichen Schimmer und wirkt sehr natürlich. Nur der eigenwillige Geruch von der Henna-Mischung wollte auch nach dem Waschen nicht ganz weichen. Wenn jetzt noch die Haltbarkeit in Ordnung ist, werde ich in Zukunft sicher wieder mit Henna färben.

Schubladen-Argumente für mehr Emotion

“Ich denke, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt, oder spreche ich ich so unverständlich? Nein, man versteht mich. Aber wenn Sie mich nicht verstehen, kann ich auch nichts machen!”
Ich sitze wie versteinert da, meine zittrigen Finger spielen nervös an dem rosaroten Bleistift, wegen dem ich immer belächelt werde, weil er so klischeehaft für eine Frau ist und den ich genau aus der Ironie heraus gekauft hatte, herum. Er blickt missbilligend auf meine Hände und dann wieder in mein Gesicht. Ich versuche den Kloß im Hals, der mir dir Kehle zudrückt, runterzuschlucken und schildere erneut meine Sicht der Dinge. Ich fühle mich wie in einer nie enden wollenden Schleife aus ein und denselben Argumenten gefangen. Formuliere abermals, worum es mir eigentlich geht und ernte wieder nur den Spott und Hohn, dass ich ihn nicht verstehen würde. “Ich verstehe sehr wohl, aber Sie wollen nicht verstehen, weil Sie mich bereits in eine Schublade gesteckt haben und ich da nie wieder rauskomme”, denke ich mir. Sage es aber nicht, denn ich habe schon vor einer guten Stunde bekundet, das Gefühl zu haben, es ohnehin nicht recht machen zu können. Dadurch hat er sich angegriffen gefühlt, weil es ihm nicht behagt hat, dass ich die Wahrheit kenne.
“Ich vermisse die Emotion an Ihnen. Da ist nichts! Sie sitzen nur ruhig da. Nun machen Sie endlich einen Schritt nach vorne, gehen Sie aus sich heraus!”, fährt er mich forsch an.
Wie oft soll ich noch sagen, dass ich das nicht kann? Dass das nicht ich bin? Er wird zunehmend ungeduldiger. Meine Gefühle spielen verrückt, es fällt mir schwer noch klar zu denken und ich weiß, dass ich aufpassen muss, nicht zu einer Aussage gezwungen zu werden, die absolut nicht meinen Überzeugungen entspricht. Ich klammere mich fest an die Premisse, die ich mit in dieses Gespräch genommen hatte. Bleib dir selber treu!
Der Dritte im Raum ist sichtlich betreten, hat bislang nur geschwiegen und versucht jetzt mit aufbauenden Worten mich aus der Reserve zu locken. Ich unterdrücke die Tränen, weil ich mit dem Mitleid, das mir von ihm entgegengebracht wird, nicht umzugehen weiß. Dabei bin ich für den Ernst der Lage sehr gefasst. Die vielen beleidigenden Worte haben mich nicht so getroffen, wie die aufmunternden jetzt. Ich schaffe es gerade noch nicht loszuheulen. Zum Glück, weil hätte ich erst zu weinen begonnen, wäre das nicht mehr zu stoppen gewesen. So wie das letzte Mal.
Das Gespräch dreht sich abermals im Kreis. Immer wieder soll ich etwas versprechen, das ich nicht versprechen kann. Ich soll mit “ja” oder “nein” beantworten, dazwischen gäbe es nichts. Ich sage bestimmt “nein”. Er kann seine aufkeimende Wut nur noch schwer unter Kontrolle halten und es wundert mich, dass er nicht explodiert. Dann bietet er mir an, nochmals über alles nachzudenken, die Unterhaltung in zwei Tagen fortzuführen. Erneut bringt er seine Argumente vor, wie eine Predigt. Mittlerweile bin ich schon etwas gereizt, finde es anmaßend, dass er der festen Überzeugung ist, ich wäre zu dumm ihn zu verstehen.
“Ich möchte kein erneutes Gespräch. Ich werde in zwei Tagen nichts anderes sagen, als jetzt. Ich werde in zwei Tagen nicht überzeugender auf Sie wirken. Sie brauchen nicht denken, ich würde es mir nicht zu Herzen nehmen, es wäre mir egal. Im Gegenteil, in mir kochen die Emotionen fast über und ich kämpfe. Innerlich. Aber ich werde auch beim nächsten Mal dieselbe Außenwirkung haben, auf Sie den Eindruck machen, als wäre es mir gleichgültig. Ich weiß, dass das alleine mein Problem ist und dass Sie sehen wollen, wie ich auf den Tische haue und überzeugend bin, aber das kann ich nicht. Das bin nicht ich. Ich würde mich in den kommenden Tagen nur wieder wahnsinnig machen, wenn wir das Gespräch vertagen. Ich habe mir bereits genug Gedanken gemacht. Neue Erkenntnisse würde ich nicht erlangen, im Gegenteil. Mehr, als zu versprechen, an mir zu arbeiten, kann ich nicht!”  Ich bin verwundert, wie selbstsicher und überzeugt ich das gesagt habe und fühle mich erleichtert.
Wieder wirft er mir einen abwertenden Blick zu, empört sich darüber, dass ich die Hand, die er mir helfend entgegen gestreckt hat, nicht genommen habe und beendet endlich das Gespräch.
Obwohl ich niedergeschlagen bin, ist eine große Last von mir gefallen. Nun habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich habe mein Gesicht gewahrt und egal was nun kommt, es kann nur besser für mich werden.

Der letzte Sommertag

Es war ein lauer Spätsommernachmittag und trotzdem war an der Strandpromenade kaum etwas los. Vereinzelt ein paar alte Frauen und Männer mit ihren Hunden und ein paar wenige Kinder. Die Sonne war müde geworden, man merkte es ihr an. Zwar war es wunderbar warm, nicht mehr so heiß, wie die Wochen zuvor, aber der Sommer war aufgebraucht, hatte bereits einen herbstlichen Beigeschmack. Bald würde wieder der Nebel Einzug halten. Graue Schleier, eisige Winde, kurze Tage und schier nie enden wollende Nächte waren in spürbarer Nähe, nur ein Hauch von Sommer hielt sie noch davor ab, alles einzuhüllen.
Die Blätter auf den Bäumen hatten sich bereits bunt verfärbt und funkelten im Licht. Mit jedem Windstoss lösten sich welche von den Ästen und schwebten sanft zu Boden, wo sie in der Vergangenheit von spielenden Kindern und Hunden wieder aufgewirbelt und erneut in die Lüfte katapultiert worden waren.
“Sommer”, seufzte sie leise und tippte mit der großen Zehe ins Wasser, das in den letzten Tagen deutlich kühler geworden war. Sie war gekommen um die letzten Sonnenstrahlen dieser Saison einzufangen. Ihr Blick schweifte über das Meer, weit hinaus in die Ferne. Sie saß eine zeitlang still da, die Gedanken weit weg, jenseits vom Horizont und sprang dann mit einem Satz von der niedrigen Kaimauer. Gekonnt krempelte sie die Hosenbeine noch ein Stück nach oben und spazierte im schienbeinhohen Wasser das Ufer entlang.
Die Möwen kreischten hysterisch und wenig später war der Himmel mit dunklen Schlieren überzogen. Sie sah zum Himmel hoch und murmelte erneut “Sommer”, als die ersten großen Tropfen laut auf den Weg hinter ihr fielen. Das Meer war erstaunlich ruhig für das anstehende Gewitter, was vermutlich das letzte dieses Jahres werden würde.
Nach einer guten Stunde war sie am Ziel, dem alten Fischerhafen, ihrem Lieblingsplatz, angelangt. Mittlerweile war sie klatschnass vom Regen und es hatte deutlich abgekühlt, richtig kalt war es geworden. Sie ging bis ans Ende der Pier und wollte sich gerade hinsetzen, als sie aus der Ferne ein Schiffshorn vernahm. Suchend tastete ihr Blick die Wasseroberfläche ab, bis er rund eine halbe Meile entfernt eine kleine Nussschale entdeckte. Das Boot kam schnell näher und steuerte direkt auf sie zu. Seit Jahren hatte hier kein Schiff mehr angelegt. Mit der Fabrik, die nach China übersiedelt worden war, waren sie alle gegangen. Die Fischer, die Arbeiter, die Matrosen und eben auch die Schiffe.
Das Boot legte an und ein stämmiger Mann mit markanten Gesichtszügen winkte ihr zu. Zaghaft hob sie die Hand und bewegte Zeige- und Mittelfinger kaum merklich um den Gruß zu erwidern. Der Mann streckte ihr die Hand entgegen und forderte sie auf, an Bord zu kommen. Sie schüttelte den Kopf, wich aber nicht zur Seite, selbst als er sie am Oberarm nahm und vorsichtig versuchte, sie in seine Richtung zu ziehen. “Komm mit uns, wir fahren hinaus in die bunte Welt. Hier wird es bald wieder grau. Trostlos ist es hier ja schon lange.”, sagte er und blickte ihr dabei in die großen graublauen Augen, in denen man die Ereignisse der letzten Jahre lesen konnte. Als sie ihm nichts entgegenbrachte, forderte er sie erneut auf mit ihr auf das Schiff zu kommen und die Ortschaft, in der es weder Arbeit, noch Hoffnung gab, zu verlassen.
“Ich werde hier bleiben und warten. Irgendwer muss da sein, wenn der Sommer zurück kehrt.”, sagte sie mit einem traurigen Lächeln und das Schiff legte wieder ab.

Das süße Lachen

Er lacht. Die Kaffeemaschine mahlt. Er lacht lauter. Man soll ihn hören. Hören wie er lacht. Laut in den Tag hinein. Sein schallendes Gelächter vermischt sich mit dem süßlich-herben Kaffeeduft, der sich langsam im Raum verteilt, nichts auslässt.
Die anderen stehen um ihn herum. Lassen ihn erzählen, hängen an seinen Lippen. Sie brauchen ihn nicht zu fragen. Er erzählt von sich aus. Selbstsicher. Euphorisch. Laut. Und dazwischen immer wieder sein Lachen. Eines dieser Lachen, die man sich merkt. Markant. Männlich. Selbstsicher.
Die anderen lachen auch, aber lautlos. Sie verziehen nur die Münder, wollen ihn nicht stören. Wollen seine Geschichten hören. Wollen an seinem Leben teilhaben. Hören, wie es sein kann. Alltagsgeschichten, aber eben die guten. Sie gönnen es ihm. Er tut ihnen gut.
Er stellt die leere Kaffeetasse ab. Geht. Sein Schritt laut und selbstbewusst.
Die anderen bleiben noch für einem Augenblick im Raum. In Gedanken noch bei seinen Worten. Zerstreuen sich langsam. Zusammen mit dem verbliebenen Kaffeearoma.

Er beginnt nicht gleich zu arbeiten. Sitzt noch einen Moment still da. Lässt die letzten Minuten Revue passieren. Zufriedenheit erfüllt ihn. Erneut muss er lachen. Aber nicht laut. Leise in sich hinein. Dann schaltet er den Computer ein und beginnt zu schreiben. Eine Kündigung.