Mit Blaulicht rast die Rettung auf das Gelände des Landesklinikums zu und hält bei der Chirurgie. Der Patient wird hinaus gehievt. Er zittert. Wegen dem hohen Blutverlust und weil er nur mit einer dünnen Hose und einem T-Shirt bekleidet ist. In der Aufnahme scherzt man, wenn nichts gebrochen wäre, könnte man nichts mit ihm anfangen. Also wird er wieder eingepackt, bis man doch einen Ort findet, an dem man ihn abgeben kann.
Die Frau des Patienten, die gebeten hat, sie zu verständigen, weil man nicht wusste, wohin man ihn bringe, hat man längst vergessen und ruft sie nicht an.
Die nächsten Stunden wird der Patient durchgecheckt. Immer wieder verliert er Blut. Man findet nichts und verfrachtet ihn im Endeffekt auf die Nephrologie. Auf dieser Station landen anscheinend viele Patienten, bei denen man nicht weiß, was sie haben. Es scheint die Station der Ahnungslosigkeit zu sein. Niemand weiß hier was. Niemand ist hier freundlich. Niemand ist hier bemüht.
Weitere Untersuchungen gibt es nicht. Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. Es ist also Wochenende. Das wird wohl auch der menschliche Körper einsehen, dass das Gesundheitssystem da kein Geld für entsprechende Maßnahmen und Belegschaft hat. Die Krankheit soll sich zusammenreißen und bis Montag ausharren, da will man dann die Untersuchungen fortsetzen.
Der Patient kann nicht schlafen. Viel zu laut ist es. Viel zu viel ist passiert. Aber das kümmert hier niemanden. Immerhin ist es ein Krankenhaus, keine Pension. Niemand hat je gesagt, dass man sich hier wohl fühlen soll.
In der Früh wird ihm ein köstliches Frühstück vorgesetzt. Doch er darf es nicht essen, wie er der Krankenschwester erklärt. Wegen der anstehenden Untersuchung am nächsten Tag. Sie grinst und meint, es wäre gut, dass er ihr das sage. Das “nüchtern”-Schildchen hängt sie ihm trotzdem nicht aufs Bett. Wozu denn auch? Er weiß ja, dass er nichts essen dürfe.
Auf der Toilette stellt der Patient fest, dass er wieder viel Blut verliert. Er holt eine Krankenschwester und macht sie darauf aufmerksam, dass es vielleicht an der Zeit wäre, ihm wieder Blut zuzuführen, nachdem er in den letzten Stunden so einiges davon verloren habe und nach einem Blutbild stellt man, Wunder lass nach, tatsächlich fest, dass er zwei Konserven Blut benötigt. Faszinierend, was dieser Patient alles weiß, dabei hat er nicht Medizin studiert!
Aufgrund des stetigen Blutverlusts weist ihn die eine Krankenschwester daraufhin, er dürfe nicht mehr alleine auf die Toilette gehen. Endlich mal eine, die mitdenkt, sagt er sich und als er das nächste Mal das Bedürfnis, das stille Örtchen aufzusuchen, verspürt, klingelt er nach ihr. Es taucht eine andere Krankenschwester auf und faucht ihn an, was er denn wolle. Er erklärt es ihr, doch sie meint nur, davon wisse sie nichts und entschwindet um die andere zu holen.
Diese Frau liebt ihren Beruf anscheinend sehr. Gut, dass von ihrer Motivation nur Menschenleben abhängen.
Mittags bringt ihm eine Schwester ein Tablett mit Suppe und einer Pille. Die Suppe müsse er essen, zur Tablette sagt sie kein Wort, also nimmt er sie, denn als Dekoration taugt sie auch nicht gerade viel. Später erfährt er, dass sie für den nächsten Morgen gewesen wäre. Wirklich auch, wie kann er nur annehmen, dass er sie nehmen soll, wenn sie da so rumliegt. Die Patienten von heute wissen auch gar nichts!
Tagsüber wird immer unsicherer, ob die Untersuchung wirklich am Montag durchgeführt wird. Viel zu viele Leute stünden auf der Warteliste. Ob die wohl auch alle so einen starken Blutverlust haben, dass sie Bluttransfusionen brauchen?
Nachdem die Verwandtschaft nervig genug war, wird die Untersuchung doch am Montag durchgeführt. Man findet nichts und meint, der Körper habe sich selber geheilt. Gratulation für diese großartige Behandlung! Man wartet so lange zu, bis der Körper tut, was nötig ist. Gut, dass der Körper so auf Zack war und nicht alternativ beschlossen hat, das Zeitliche zu segnen.
Vor der Untersuchung soll der Patient eine Narkose bekommen, also holt ihn ein fleißiges Bienchen der Krankenhausbelegschaft. Mit dem Rollstuhl. Und setzt ihn unten in den Warteraum. Ist schon eine tolle Sache, wenn der Körper dann langsam einschläft und man in einem Sessel hängt, statt in einem Bett zu liegen. Aber woher sollte der gute Mann schon wissen, dass eine Narkose betäubt?
Nachmittags scheitert eine Krankenschwester daran, die Bluttransfusion anzuhängen. Das Blut rinnt. Der Verband wird nass. Es tropft auf die weiße Bettwäsche. Auf den Boden. Der Patient ist sehr aufmerksam und weist sie darauf hin. Die Gute hat es ja nicht gesehen. Ein Arzt wird geholt, der es dann tatsächlich schafft, einen Zugang zu legen ohne dabei die Vampire im Umkreis von 100 Kilometer anzulocken. Nachdem das Bett mit seinen roten Punkten nun viel freundlicher aussieht, lässt man es so. Erst die Nachtschwester erbarm sich Stunden später die Bettlaken zu wechseln.
Am nächsten Tag teilt man dem Patienten mit, man wisse nicht, woher die Blutungen kamen, aber man wolle ihn weiter untersuchen. Wie schön! Es werden hier also doch nicht nur Symptome behandelt, man sucht doch nach der Ursache und das, obwohl “nur” drei Leute Druck gemacht haben, dass endlich was unternommen wird.
Zwei Tage später weiß man doch glatt, was es war und der Patient darf nach Hause. Wo er sicher besser aufgehoben ist, denn wie die letzten Tage bewiesen haben, sind er und sein Körper die besseren Mediziner.
Dieser Text mag von tiefschwarzem Humor strotzen, doch im Grunde ist es einfach nur traurig und erschreckend. Das Leben eines Menschen hängt am seidenen Faden und es wird nichts getan und als Angehöriger kannst Du nur hoffen, dass es nicht lebensbedrohlich ist, denn Du hast nicht das Gefühl, dass man schnell genug reagieren würde. Es wird abgewartet und die Krankenschwestern müssen sich von den Patienten darauf hinweisen lassen, dass was nicht passt.
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Schlagwörter: Angst, Gesundheitssystem, Krankenhaus