Himmelschwarz

Platz für ein Leben

Nun bin ich etwas mehr als eine Woche in Wien und kann bislang nur immer wieder betonen, dass es absolut die richtige Entscheidung gewesen ist, aus Graz wegzugehen.

Kopf frei.
Herz frei.
Platz für ein Leben.

Endlich wieder mit sich selbst im Reinen sein. Die Freiheit genießen, nicht von Ängsten und Zweifeln total befangen zu sein. Das hat einen besonderen Zauber, den man erst zu schätzen weiß, wenn man die andere Seite kennt. Wenn man weiß, wie es ist, aufzuwachen und den Blick von Aussichtslosigkeit vernebelt zu haben. Wenn man das Gefühl, keine Kraft etwas an seinem Leben und sich zu ändern, kennt. Und wenn diese Gefühlslage keine Phase ist, sondern ein Dauerzustand.

Wenn man den Teufelskreis durchbricht, bekommt das Leben eine Eigendynamik. Plötzlich scheint alles zu klappen, während zuvor alles daneben gegangen ist. Das Leben um einen herum ist im Grunde gleich geblieben, aber man hat sich verändert und deswegen reagiert das Umfeld anders auf einen und man selbst nimmt die Außenwelt anders, nämlich positiver, wahr. Etwas hart formuliert, man hört auf, sich selbst zu bemitleiden.

Nichts kann einem so sehr im Wege stehen, wie man selbst und es ist nicht immer einfach, einen Weg aus der selbst geschaffenen Sackgasse zu finden, denn oft scheint es keinen Weg heraus zu geben, als wäre es eine Einbahn. Viele kleine und große Umwege führen dann aber doch oft irgendwie zum Ziel. Man darf nur die Hoffnung nicht verlieren. Man darf sich selbst nicht aufgeben und man muss Geduld haben. Mit dem Leben und vor allem mit sich.

Alles in Leben hat seinen Sinn, auch wenn man diesen nicht immer sofort, manchmal auch nie, versteht. Manche Dinge müssen kommen, wie sie kommen. Oft muss man scheitern, damit man dann etwas beginnen kann, das einen wirklich erfüllt.

Klar wird nun nicht nur die Sonne scheinen, das ist mir schon bewusst. Ich bin nun nicht unrealistisch geworden, jedoch trüben so ein paar Wolken den Himmel nicht, sie machen ihn einzigartig und erinnern uns daran, dass wir jeden Sonnenstrahl genießen sollten, denn er ist nicht selbstverständlich.

Vienna calling

Ich sitze hier im Bett, rund um mich herum Chaos. Aber nicht das gewohnte Chaos, das aus zu geringer Motivation zum Zusammenräumen resultiert, sondern jenes, das vom Sortieren kommt.

Ein Häufchen hier, eines dort, ein weiteres da drüben; alles bereit um in Kisten gepackt zu werden. Eine Box voll mit Erinnerungen, eine mit Geschirr, die andere mit Büchern. Verstaut und bereit mit mir ein neues Leben zu beginnen.

Seit gestern habe ich immer wieder so Phasen, in denen ich zu realisieren beginne, dass ich nun wirklich hier weggehe, dass es nun ernst ist, dass nun auf Gedanken und Ideen auch Taten folgen und meine Gefühle sind gemischt. Ich bin aufgewühlt. Freue mich. Habe Angst. Schwelge in Erinnerungen.

Ich habe mich nicht gegen Graz, sondern für Wien entschieden. Das ist ein Unterschied. Ich liebe Graz, diese Stadt, die Zeugin meines bisherigen Lebens war. Doch in letzter Zeit habe ich mich immer öfters eingeengt gefühlt und das Bedürfnis, wegzugehen und nicht an jeder Ecke mit Erinnerungen konfrontiert zu werden, wurde immer größer.
Zu gehen ist keine Entscheidung gegen Graz, sondern für etwas Neues. Für ein neues Umfeld, das Inspiration für ein neues Leben sein soll. “Neues Leben” klingt nun vielleicht drastischer als es ist. Es ist nicht so, dass ich die Vergangenheit begrabe, aber ich gebe dem Leben und vor allem mir die Möglichkeit eines Neuanfangs, so dass wir wieder zueinanderfinden können.

Nachdem ein Umzug und Neuanfang in einer anderen Stadt keine Sache ist, die von einem Tag auf den anderen abgeschlossen, verarbeitet und ad acta gelegt ist, werden sicher weitere Artikel folgen, die damit im Zusammenhang stehen, weswegen das der erste Beitrag der Blog-Serie “Vienna calling” ist. 

Achtung, Boomerang-Effekt!

Irgendwann ist man am Boden angelangt und kann nicht mehr. Die Motivation sich wieder aufzuraffen ist gering, die Energie ist verbraucht und die Frage “wofür?” ist allgegenwärtig.
Doch nach einiger Zeit schafft man es mit Müh und Not doch, dass man sich aufrappelt und auf allen Vieren die Trümmer seines Lebens sucht oder sie zumindest zur Seite räumt. Man versucht es zumindest.
Es stellen sich die ersten Erfolge ein, man lernt langsam wieder, sich zu freuen und richtet sich langsam auf. Doch bevor man aus dieser Freude nur irgendeine Energie ziehen kann, kommt es zu einem Rückschlag und man liegt wieder flach am Boden. Die Enttäuschung kehrt zurück, schneller als jeder Boomerang.
Nun liegt man wieder da. Wieder fertig mit der Welt. Enttäuscht von ihr. Stellt sich abermals die Frage nach dem Sinn des Lebens, deren Beantwortung wohl darin liegt, dass man kein Bedürfnis mehr hat, sich diese Frage zu stellen.
Irgendwie kratzt man die letzten Fragmente an Hoffnung zusammen, baut sich so etwas wie einen Funken Zuversicht auf und in der Tat, es tut sich etwas Positives im Leben. Das Glück, nennen wir es in unserer Euphorie so, hält sogar kurz an, um dann aber wie aus dem nichts mit einem lauten Knall zu zerbersten und einen unter seinen Trümmern zu verschütten.
Nun liegt man wieder da, bedeckt mit den kaputten Glückstücken und badet in einem Meer der Frustration und Resignation.
Aber man gibt nicht auf, denn man weiß, das würde ganz sicher nichts ändern. Das Freuen hat man mittlerweile fast gänzlich verlernt. Man fürchtet sich regelrecht davor, weil man glaubt, das Freude den Boomerang-Effekt der Enttäuschung beflügelt. Kaum passiert etwas Positives im Leben, blickt man sich verunsichert in alle Richtungen um, denn das Unterbewusstsein warnt einen, dass der Schein nur trügt und die nächste Rüge vom Leben in Wahrheit schon durch die Lüfte fetzt, bereit einen jeden Moment an der Stirn, vermutlich genau zwischen den Augen, zu treffen und wieder niederzuwerfen.
Aber es bleibt die Hoffnung, dass der Wind dreht und den Boomerang in eine andere Richtung trägt, weit weg, so dass man ihn für lange Zeit nicht mehr sehen wird. Man muss das hoffen, den man darf sich nicht aufgeben und man muss dem Leben eine Chance geben, auch wenn der Glaube daran, dass es besser werden wird, in manchen Momenten wie eine schlimme Lüge erscheint.

What is it…

What is it …
This laying someone to rest?
This handling emotions?

Is that to forget?
Is that to repress?
No?
What else?

People go.
People come.
People go temporarily.
People go. For good and all.

Forever.
Whither?
Why?

How should you understand it?
How should you perorate with it?
How?

Should you try to forget?
Could you try to forget?
You want to bear in remembrance.
Painful remembrance.

Der Patient weiß schon, was zu tun ist…

Mit Blaulicht rast die Rettung auf das Gelände des Landesklinikums zu und hält bei der Chirurgie. Der Patient wird hinaus gehievt. Er zittert. Wegen dem hohen Blutverlust und weil er nur mit einer dünnen Hose und einem T-Shirt bekleidet ist. In der Aufnahme scherzt man, wenn nichts gebrochen wäre, könnte man nichts mit ihm anfangen. Also wird er wieder eingepackt, bis man doch einen Ort findet, an dem man ihn abgeben kann.
Die Frau des Patienten, die gebeten hat, sie zu verständigen, weil man nicht wusste, wohin man ihn bringe, hat man längst vergessen und ruft sie nicht an.

Die nächsten Stunden wird der Patient durchgecheckt. Immer wieder verliert er Blut. Man findet nichts und verfrachtet ihn im Endeffekt auf die Nephrologie. Auf dieser Station landen anscheinend viele Patienten, bei denen man nicht weiß, was sie haben. Es scheint die Station der Ahnungslosigkeit zu sein. Niemand weiß hier was. Niemand ist hier freundlich. Niemand ist hier bemüht.
Weitere Untersuchungen gibt es nicht. Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. Es ist also Wochenende. Das wird wohl auch der menschliche Körper einsehen, dass das Gesundheitssystem da kein Geld für entsprechende Maßnahmen und Belegschaft hat. Die Krankheit soll sich zusammenreißen und bis Montag ausharren, da will man dann die Untersuchungen fortsetzen.

Der Patient kann nicht schlafen. Viel zu laut ist es. Viel zu viel ist passiert. Aber das kümmert hier niemanden. Immerhin ist es ein Krankenhaus, keine Pension. Niemand hat je gesagt, dass man sich hier wohl fühlen soll.

In der Früh wird ihm ein köstliches Frühstück vorgesetzt. Doch er darf es nicht essen, wie er der Krankenschwester erklärt. Wegen der anstehenden Untersuchung am nächsten Tag. Sie grinst und meint, es wäre gut, dass er ihr das sage. Das “nüchtern”-Schildchen hängt sie ihm trotzdem nicht aufs Bett. Wozu denn auch? Er weiß ja, dass er nichts essen dürfe.

Auf der Toilette stellt der Patient fest, dass er wieder viel Blut verliert. Er holt eine Krankenschwester und macht sie darauf aufmerksam, dass es vielleicht an der Zeit wäre, ihm wieder Blut zuzuführen, nachdem er in den letzten Stunden so einiges davon verloren habe und nach einem Blutbild stellt man, Wunder lass nach, tatsächlich fest, dass er zwei Konserven Blut benötigt. Faszinierend, was dieser Patient alles weiß, dabei hat er nicht Medizin studiert!

Aufgrund des stetigen Blutverlusts weist ihn die eine Krankenschwester daraufhin, er dürfe nicht mehr alleine auf die Toilette gehen. Endlich mal eine, die mitdenkt, sagt er sich und als er das nächste Mal das Bedürfnis, das stille Örtchen aufzusuchen, verspürt, klingelt er nach ihr. Es taucht eine andere Krankenschwester auf und faucht ihn an, was er denn wolle. Er erklärt es ihr, doch sie meint nur, davon wisse sie nichts und entschwindet um die andere zu holen.
Diese Frau liebt ihren Beruf anscheinend sehr. Gut, dass von ihrer Motivation nur Menschenleben abhängen.

Mittags bringt ihm eine Schwester ein Tablett mit Suppe und einer Pille. Die Suppe müsse er essen, zur Tablette sagt sie kein Wort, also nimmt er sie, denn als Dekoration taugt sie auch nicht gerade viel. Später erfährt er, dass sie für den nächsten Morgen gewesen wäre. Wirklich auch, wie kann er nur annehmen, dass er sie nehmen soll, wenn sie da so rumliegt. Die Patienten von heute wissen auch gar nichts!

Tagsüber wird immer unsicherer, ob die Untersuchung wirklich am Montag durchgeführt wird. Viel zu viele Leute stünden auf der Warteliste. Ob die wohl auch alle so einen starken Blutverlust haben, dass sie Bluttransfusionen brauchen?

Nachdem die Verwandtschaft nervig genug war, wird die Untersuchung doch am Montag durchgeführt. Man findet nichts und meint, der Körper habe sich selber geheilt. Gratulation für diese großartige Behandlung! Man wartet so lange zu, bis der Körper tut, was nötig ist. Gut, dass der Körper so auf Zack war und nicht alternativ beschlossen hat, das Zeitliche zu segnen.

Vor der Untersuchung soll der Patient eine Narkose bekommen, also holt ihn ein fleißiges Bienchen der Krankenhausbelegschaft. Mit dem Rollstuhl. Und setzt ihn unten in den Warteraum. Ist schon eine tolle Sache, wenn der Körper dann langsam einschläft und man in einem Sessel hängt, statt in einem Bett zu liegen. Aber woher sollte der gute Mann schon wissen, dass eine Narkose betäubt?

Nachmittags scheitert eine Krankenschwester daran, die Bluttransfusion anzuhängen. Das Blut rinnt. Der Verband wird nass. Es tropft auf die weiße Bettwäsche. Auf den Boden. Der Patient ist sehr aufmerksam und weist sie darauf hin. Die Gute hat es ja nicht gesehen. Ein Arzt wird geholt, der es dann tatsächlich schafft, einen Zugang zu legen ohne dabei die Vampire im Umkreis von 100 Kilometer anzulocken. Nachdem das Bett mit seinen roten Punkten nun viel freundlicher aussieht, lässt man es so. Erst die Nachtschwester erbarm sich Stunden später die Bettlaken zu wechseln.

Am nächsten Tag teilt man dem Patienten mit, man wisse nicht, woher die Blutungen kamen, aber man wolle ihn weiter untersuchen. Wie schön! Es werden hier also doch nicht nur Symptome behandelt, man sucht doch nach der Ursache und das, obwohl “nur” drei Leute Druck gemacht haben, dass endlich was unternommen wird.

Zwei Tage später weiß man doch glatt, was es war und der Patient darf nach Hause. Wo er sicher besser aufgehoben ist, denn wie die letzten Tage bewiesen haben, sind er und sein Körper die besseren Mediziner.

Dieser Text mag von tiefschwarzem Humor strotzen, doch im Grunde ist es einfach nur traurig und erschreckend. Das Leben eines Menschen hängt am seidenen Faden und es wird nichts getan und als Angehöriger kannst Du nur hoffen, dass es nicht lebensbedrohlich ist, denn Du hast nicht das Gefühl, dass man schnell genug reagieren würde. Es wird abgewartet und die Krankenschwestern müssen sich von den Patienten darauf hinweisen lassen, dass was nicht passt.

Dunkelheit

In der Dunkelheit ist mehr Platz.
Mehr Platz für Gedanken.
Mehr Platz für Ängste.
Mehr Platz für Träume.
Mehr Platz für alles.

Dunkelheit kommt.
Dunkelheit geht.
Immer. Immer wieder.
Sie umhüllt.
Sie verhüllt.
Sie enthüllt.

Die Seele sucht die Dunkelheit.
Die Seele fürchtet die Dunkelheit.
Die Seele liebt die Dunkelheit.
Die Seele hasst die Dunkelheit.

Dunkelheit gibt Kraft.
Bedingt.
Dunkelheit nimmt Kraft.
Bedingt.
Dunkelheit gibt und nimmt.

Du kannst sie nicht umgehen.
Du kannst sie nicht bekämpfen.
Du musst mit ihr leben.
Leben. Bestmöglich.

Momente

Minuten waren weg.
Stunden waren weg.
Tage waren weg.
Mit ihnen Wochen, Monate, Jahre.
Einfach weg.
Weg aus der Erinnerung.
Gänzlich weg.
Als wären sie nie gewesen.
Als hätte es sie nie gegeben.
Alles nur, weil sie Momente enthielten.
Momente, die weg mussten.
Weg.
Einfach weg.
Doch nun sind sie wieder da.
Überall.
Nur noch.
Diese Momente.
Schwer.
Schwarz.
Unerträglich.
Sie sind neu.
Nur wie die Alten.
Und mit ihnen die Alten.
Die Neuen und die Alten.
Zusammen schwerer.
Zusammen schwärzer.
Zusammen unerträglicher.